Kei­ne Kos­ten­er­stat­tung für die Finanz­be­hör­de – und die Kos­ten des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten

Dass nach der Vor­schrift des § 139 Abs. 3 FGO gesetz­lich vor­ge­se­he­ne Gebüh­ren von Bevoll­mäch­tig­ten stets erstat­tungs­fä­hig sind, stellt kei­ne Rück­aus­nah­me von der Vor­schrift des § 139 Abs. 2 FGO dar, wonach Auf­wen­dun­gen der Finanz­be­hör­den nicht zu erstat­ten sind; es han­delt sich bei Absatz 3 nur um eine Rege­lung zur Erstat­tung der Höhe nach.

Kei­ne Kos­ten­er­stat­tung für die Finanz­be­hör­de – und die Kos­ten des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten

Das Haupt­zoll­amt – wie auch das Finanz­amt – hat daher kei­nen Anspruch auf Erstat­tung von Auf­wen­dun­gen für Rechts­an­wäl­te.

Die Erstat­tungs­fä­hig­keit von Kos­ten rich­tet sich nach der Rege­lung des § 139 FGO. Nach Absatz 1 die­ser Vor­schrift zäh­len zu den erstat­tungs­fä­hi­gen Kos­ten die zur zweck­ent­spre­chen­den Rechts­ver­fol­gung oder Rechts­ver­tei­di­gung not­wen­di­gen Auf­wen­dun­gen der Betei­lig­ten ein­schließ­lich der Kos­ten des Vor­ver­fah­rens.

Von die­sem Grund­satz wird gemäß § 139 Abs. 2 FGO eine Aus­nah­me für die Finanz­be­hör­de gemacht. Danach sind deren Auf­wen­dun­gen nicht zu erstat­ten.

Dem­ge­mäß kön­nen Finanz­be­hör­den nach stän­di­ger Recht­spre­chung kei­ne Erstat­tung von Aus­la­gen ver­lan­gen [1].

Die Lite­ra­tur hat sich die­ser Recht­spre­chung ange­schlos­sen [2].

Finanz­be­hör­den im Sin­ne des § 139 Abs. 2 FGO sind alle Behör­den, denen die Ver­wal­tung der Steu­ern in Bund und Län­dern zuge­wie­sen ist, Art. 108 GG, §§ 1, 2 FVG [3]. Die Vor­schrif­ten des FVG sind die von Art. 108 GG gefor­der­te ein­fach­ge­setz­li­che Rege­lung zum Auf­bau der Finanz­be­hör­den [4]. Unter den Begriff der Steu­ern fal­len auch Zöl­le [5].

Finanz­be­hör­den, die kei­ne Erstat­tung von Auf­wen­dun­gen ver­lan­gen kön­nen, sind nach der Recht­spre­chung:

  • Finanz­äm­ter [6];
  • jede steu­er­ver­wal­ten­de Behör­de, die einen Ver­wal­tungs­akt, der den Gegen­stand eines Kla­ge­ver­fah­rens vor dem Finanz­ge­richt bil­det, erlas­sen hat [7];
  • Kir­chen­steu­er­be­hör­de [8];
  • Kir­chen­steu­er­äm­ter und die ihnen über­ge­ord­ne­ten Stel­len [9];
  • Kir­chen­ge­mein­den in steu­er­ver­wal­ten­der Funk­ti­on [10].

Auch das Haupt­zoll­amt zählt nach der Recht­spre­chung des BFH zu den Finanz­be­hör­den im Sin­ne des § 139 Abs. 2 FGO [6].

Das beklag­te Haupt­zoll­amt ist mit der Ver­wal­tung einer Steu­er, näm­lich der Kern­brenn­stoff­steu­er, beauf­tragt (§ 1 Abs. 1 Satz Kern­brStG i. V. m. §§ 16, 23 AO, § 12 Abs. 2 FVG) und nach der Vor­schrift des § 1 Nr. 4 FVG eine Finanz­be­hör­de im Sin­ne des Art. 108 GG [11].

Von dem Grund­satz, dass Finanz­be­hör­den kei­ne Erstat­tung von Auf­wen­dun­gen ver­lan­gen kön­nen, sind auch die Ent­schei­dun­gen getra­gen, die eine Kos­ten­er­stat­tung beja­hen nach der Abgren­zung, dass der Betei­lig­te kei­ne Finanz­be­hör­de ist. Erstat­tung kön­nen ver­lan­gen:

  • Bun­des­amt für Ernäh­rung und Forst­wirt­schaft [12];
  • Bun­des­land bei Kla­gen wegen über­lan­ger Ver­fah­rens­dau­er [13];
  • Lan­des­fi­nanz­mi­nis­te­ri­um in berufs­recht­li­chen Strei­tig­kei­ten i. S. von § 33 Abs. 1 Nr. 3 FGO [14];
  • Minis­te­ri­um der Finan­zen in Berufs­sa­chen der Steu­er­be­ra­ter [15];
  • Ober­fi­nanz­di­rek­ti­on in berufs­recht­li­chen Streit­ver­fah­ren i. S. d. § 33 Abs. 1 Nr. 3 FGO [16];
  • Gemein­den im Gewer­be­steu­er-Zer­le­gungs­ver­fah­ren [17];
  • Ein­fuhr- und Vor­rats­stel­len (jetzt Bun­des­an­stalt für land­wirt­schaft­li­che Markt­ord­nung) [7].

Dem­entspre­chend folgt aus dem Wort „stets“ in Absatz 3 der Vor­schrift des § 139 FGO kei­ne Rück­aus­nah­me von der Nicht­erstat­tung von Auf­wen­dun­gen für Finanz­be­hör­den.

Die Recht­spre­chung lässt bei der Vor­schrift des § 139 Abs. 2 FGO kei­ne Aus­nah­men zu, auch aus­drück­lich kei­ne Aus­nah­men für Rechts­an­walts­kos­ten von Finanz­be­hör­den [18].

Dem hat sich die Lite­ra­tur ange­schlos­sen [19].

Die Vor­schrift des § 139 Abs. 3 bezieht sich nur auf die Erstat­tungs­fä­hig­keit von bestimm­ten Auf­wen­dun­gen der Betei­lig­ten, die nicht Finanz­be­hör­de sind [20].

Dem­entspre­chend bezieht sich die For­mu­lie­rung „stets“ in Absatz 3 auch nicht auf eine Erstat­tung dem Grun­de nach, son­dern nur der Höhe nach [21].

Im Übri­gen ist eine Beschrän­kung des § 139 Abs. 2 FGO – wie das Haupt­zoll­amt meint – auf eige­ne Kos­ten des Haupt­zoll­amt nicht mit dem Wort­laut ver­ein­bar. Der Wort­laut der Vor­schrift des § 139 Abs. 2 FGO, wonach Auf­wen­dun­gen – hier Rechts­an­walts­kos­ten – nicht zu erstat­ten sind, ist aus sich her­aus ein­deu­tig; er lässt kei­ne Aus­nah­me oder Ein­schrän­kung zu.

Nach der Bedeu­tungs­über­sicht im Duden fällt unter den Begriff der „Auf­wen­dung“

  1. das Auf­wen­den und
  2. die Aus­ga­be; für etwas Bestimm­tes auf­zu­wen­den­der Betrag.

Syn­ony­me sind unter ande­rem „Aus­ga­be“ und „Aus­la­ge“. Auf­wen­dung umfasst auch Auf­wen­dun­gen, Aus­ga­ben oder Aus­la­gen für die Man­da­tie­rung eines Rechts­an­walts.

Eine wei­te­re Aus­le­gung hät­te einen Zusatz im Wort­laut der Vor­schrift erfor­dert. Ent­spre­chen­de For­mu­lie­run­gen, wie etwa „die eige­nen Kos­ten der Finanz­be­hör­de sind nicht zu erstat­ten“ wären mög­lich gewe­sen, wur­den indes aber nicht gewählt.

Die vor­ste­hen­de Aus­le­gung nach Wort­laut und Sys­te­ma­tik ent­spricht dem Sinn und Zweck der Vor­schrift des § 139 Abs. 2 FGO.

Die Finanz­be­hör­den sind gemäß § 2 Abs. 1 Satz 1 GKG von der Zah­lung von Gerichts­kos­ten befreit. Die Vor­schrift des § 139 Abs. 2 FGO ent­hält das Gegen­stück zu die­ser Pri­vi­le­gie­rung [22].

Es wird den Finanz­be­hör­den zuge­mu­tet, unter Aus­nut­zung ihres eige­nen pro­fes­sio­nel­len und spe­zi­el­len Sach­ver­stands einen Pro­zess ohne exter­ne Hil­fe zu bewäl­ti­gen; alter­na­tiv kön­nen sie nach § 62 Abs. 2 Nr. 1 FGO Beschäf­tig­te ande­rer Behör­den als Bevoll­mäch­tig­te bestel­len.

Da das finanz­ge­richt­li­che Ver­fah­ren häu­fig beson­ders kom­pli­ziert und kom­plex ist, soll dem Klä­ger nach der gesetz­ge­be­ri­schen Ent­schei­dung neben sei­nem eige­nen außer­ge­richt­li­chen Kos­ten­ri­si­ko nicht auch noch das Risi­ko auf­er­legt wer­den, für die Auf­wen­dun­gen der Finanz­be­hör­de auf­zu­kom­men [23].

Die­se Aus­le­gung deckt sich schließ­lich mit der Ent­ste­hungs­ge­schich­te der Vor­schrift, die die inten­dier­te Abwei­chung von Kos­ten­er­stat­tungs­re­ge­lun­gen ande­rer Pro­zess­ord­nun­gen ver­deut­licht.

Die Erstat­tung von Auf­wen­dun­gen der Finanz­be­hör­den wur­de mit der Rege­lung des § 316 RAO ab 1953 abge­schafft [24]. Nach Absatz 1 die­ser Vor­schrift waren fort­an nur einem Betei­lig­ten, der nicht Finanz­be­hör­de ist, die zur zweck­ent­spre­chen­den Rechts­ver­fol­gung not­wen­di­gen Aus­la­gen zu erstat­ten, soweit ihm die Kos­ten nicht auf­er­legt wer­den.

Auch in den FGO-Ent­wür­fen aus 1955 [25] und 1958 [26] wur­den die Finanz­be­hör­den bei der Erstat­tung von Kos­ten aus­drück­lich aus­ge­nom­men. Im Rah­men einer grund­sätz­lich geplan­ten, teil­wei­se wört­li­chen Anleh­nung an die Ent­wür­fe zur VwGO wur­de von § 159 VwGO-Ent­wurf [27], dem heu­ti­gen § 162 VwGO, abge­wi­chen.

Bei der tat­säch­lich 1965 in Kraft getre­te­nen Fas­sung der FGO war zwar eine weit­ge­hen­de Gleich­ge­stal­tung mit den ande­ren Gerichts­ver­fah­rens­ge­set­zen ange­strebt [28]. Der Ent­wurf (§ 130 FGO im Ent­wurf, jetzt § 139 Abs. 1 FGO) wur­de aber am 06.09.1965 um die Rege­lung des heu­ti­gen Absatz 2 der Vor­schrift ergänzt [29].

Finanz­ge­richt Ham­burg, Beschluss vom 12. Novem­ber 2015 – 3 KO 152/​15

  1. BFH, Beschlüs­se vom 25.03.2015 – X K 8/​13, m. w. N.; vom 06.02.2007 – I B 88/​05; vom 25.02.1975 – VII B 80/​73; vom 31.07.1974 – I B 32/​74; vom 31.10.1972 – VII B 134/​70; FG Bran­den­burg, Beschluss vom 06.09.1999 – 1 Ko 997/​99 KF[]
  2. Ziemer/​Birkholz, FGO, 3. Aufl., § 139 Rn. 10; Brandt in Beermann/​Gosch, AO/​FGO, § 139 Rn. 170, 181; Stap­per­fend in Grä­ber, AO/​FGO, 7. Aufl., § 139 Rn. 14; Schwarz in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler, FGO, § 139 Rn.200; Beer­mann in Ziemer/​Haarmann/​Lohse/​Beermann, Rechts­schutz in Steu­er­sa­chen, Rn. 10726[]
  3. BFH, Beschluss vom 31.07.1974 – I B 32/​14[]
  4. Siek­mann in Sachs, GG, 7. Aufl., Art. 108 Rn. 16, 26 ff.; Heun in Drei­er, GG, 2. Aufl., Art. 108 Rn. 21[]
  5. Siek­mann in Sachs, GG, Art. 105 Rn. 15; Heun in Drei­er, GG, 2. Aufl., Art. 105 Rn. 31[]
  6. BFH, Beschluss vom 31.10.1972 – VII B 134/​70, BFHE 107, 352, BStBl II 1973, 243; FG Köln, Beschluss vom 11.07.2005 – 10 Ko 223/​05, EFG 2005, 1647[][]
  7. BFH, Beschluss vom 31.10.1972 – VII B 134/​70, BFHE 107, 352, BStBl II 1973, 243[][]
  8. FG Mün­chen, Beschluss vom 07.08.1970 – VII 37/​70, EFG 1971, 35[]
  9. FG Köln, Beschlüs­se vom 11.07.2005 – 10 Ko 223/​05, DSt­RE 2006, 124; vom 15.08.1984 – X 329/​82 EK, EFG 1985, 39[]
  10. FG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 26.10.1987 V/​I Ko 4/​87, EFG 1988, 246[]
  11. Ziemer/​Haarmann/​Lohse/​Beermann, Rechts­schutz in Steu­er­sa­chen, Rn. 10727/​2[]
  12. BFH, Beschluss vom 25.02.1975 – VII B 80/​73, BFHE 115, 182, BStBl II 1975, 489[]
  13. BFH, Beschlüs­se vom 19.08.2014 – X K 2/​12, Jur­Bü­ro 2015, 312; vom 20.10.2014 – X K 3/​13, RPfle­ger 2015, 427[]
  14. FG Hes­sen, Beschlüs­se vom 15.12.2004 12 Ko 3205/​02, Juris; vom 28.07.1998 12 Ko 3483/​98, EFG 1998, 1423[]
  15. FG Bran­den­burg, Beschluss vom 06.09.1999 1 Ko 997/​99 KF[]
  16. FG Nie­der­sach­sen, Beschluss vom 10.02.2004 6 KO 26/​03[]
  17. BFH, Beschluss vom 31.07.1974 – I B 32/​74; FG Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 06.12.1968 – II 22–23/67, EFG 1969, 191[]
  18. BFH, Beschlüs­se vom 17.03.2009 – IV B 102/​08; vom 06.03.1990 – VII E 9/​89, BFHE 160, 133, BStBl II 1990, 584; vom 07.05.1975 – II B 51/​73, BFHE 115, 424, BStBl II 1975, 672; vom 25.02.1975 – VII B 80/​73, BFHE 115, 182, BStBl II 1975, 489; Hes­si­sches FG, Beschluss vom 15.12.2004 – 12 Ko 3205/​02[]
  19. Schwarz in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler, FGO, § 139 Rn. 185; Brandt in Beermann/​Gosch, AO/​FGO, § 139 Rn. 170[]
  20. BFH, Beschlüs­se vom 07.05.1975 – II B 51/​73, BFHE 115, 424, BStBl II 1975, 672; vom 25.02.1975, – VII B 80/​73, BFHE 115, 182, BStBl II 1975, 489; vom 19.06.1970 – II B 27/​68, BFHE 99, 446, BStBl II 1970, 724[]
  21. Brandt in Beermann/​Gosch, AO/​FGO, § 139 FGO Rn. 187; Bran­dis in Tipke/​Kruse, AO/​FGO, § 139 FGO Rn. 36 f., 41; Beer­mann in Ziemer/​Haarmann/​Lohse/​Beermann, Rechts­schutz in Steu­er­sa­chen, Rn. 10730/​1 f.[]
  22. Ziemer/​Haarmann/​Lohse/​Beermann, Rechts­schutz in Steu­er­sa­chen, Rn. 10710/​2[]
  23. Schwarz in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler, FGO, § 139 Rn. 2[]
  24. BGBl1953 I, 512[]
  25. BT-Drs. II/​1716[]
  26. BT-Drs. III/​127[]
  27. BT-Drs. I/​4278[]
  28. Schrift­li­cher Bericht des Rechts­aus­schus­ses vom 06.09.1965 zu BT-Drs. IV/​3523[]
  29. BT-Drs. IV/​3525[]