Verjährungsbeginn in der Steuerberaterhaftung

Legt ein Steuer­ber­ater gegen einen Sam­melbescheid mit mehreren selb­ständig anfecht­baren Regelungs­ge­gen­stän­den einen Ein­spruch ein, der ein­deutig auf einen Teil des ange­focht­e­nen Sam­melbeschei­des beschränkt ist, so begin­nt die Ver­jährung eines hier­aus fol­gen­den Schadenser­satzanspruchs mit dem Ablauf der Ein­spruchs­frist, selb­st wenn zwis­chen dem Man­dan­ten und dem Finan­zamt später Stre­it über den Umfang der Anfech­tung entste­ht.

Verjährungsbeginn in der Steuerberaterhaftung

Wenn der Steuer­ber­ater einen fehler­haften Rat zur steuer­lichen Gestal­tung betrieblich­er oder per­sön­lich­er Ver­hält­nisse erteilt und dieser sich in einem für den Man­dan­ten nachteili­gen Steuerbescheid niedergeschla­gen hat, ist nach gefes­tigter Recht­sprechung des Bun­des­gericht­shofs eine als Schaden anzuse­hende Ver­schlechterung der Ver­mö­genslage des Man­dan­ten grund­sät­zlich erst mit der Bekan­nt­gabe des Beschei­ds einge­treten. Das gilt für alle Schadens­fälle in Steuer­sachen, gle­ichgültig, ob die Schaden­sur­sache dazu führt, dass gegen den Man­dan­ten ein Leis­tungs­bescheid der Finanzbe­hörde erge­ht oder ein Steuer­vorteil durch einen grundle­gen­den Fest­stel­lungs­bescheid ver­sagt wird1. Von welchen tat­säch­lichen oder rechtlichen Umstän­den die dem Steuerpflichti­gen ungün­stige Entschei­dung im Einzelfall abhängt, ist danach rechtlich uner­he­blich. Es kommt grund­sät­zlich nicht darauf an, welch­er Art der vom Steuer­ber­ater zu ver­ant­wor­tende, für den nachteili­gen Steuerbescheid ursäch­lich gewor­dene Fehler ist2. Diese Recht­sprechung beruht im Wesentlichen darauf, dass es sich nicht all­ge­mein vorausse­hen lässt, ob die Finanzbe­hörde einen steuer­lich bedeut­samen Sachver­halt aufdeckt, welche Tatbestände sie auf­greift und welche Rechts­fol­gen sie aus ihnen her­leit­et3.

Diese Grund­sätze für die Entste­hung des Schadenser­satzanspruchs gegen einen Steuer­ber­ater und den damit ein­herge­hen­den Ver­jährungs­be­ginn gel­ten nicht nur bei ein­er Haf­tung wegen fehler­hafter Gestal­tungs­ber­atung. Die Entste­hung des Schadenser­satzanspruchs in der Berater­haf­tung hat der Bun­des­gericht­shof auch bei der Ver­let­zung ver­fahren­srechtlich­er Pflicht­en vom Schaden­sein­tritt abhängig gemacht, ein bloßes Schaden­srisiko hier­für jedoch nicht aus­re­ichen lassen. So war die Ver­jährung der Recht­san­walt­shaf­tung in Lauf geset­zt, sobald dieser den Ein­spruch gegen ein Ver­säum­nisurteil z w e i f e l s f r e i hat­te ver­fris­ten lassen (BGH, Urteil vom 21.09.1995 — IX ZR 228/94, WM 1996, 35, 38)). Umgekehrt hat der Bun­des­gericht­shof in einem Fall entsch­ieden, in dem trotz Ver­säu­mung ein­er Auss­chlussfrist auf­grund mehrerer Umstände zunächst noch ungewiss war, ob sich aus diesem Fehler des Steuer­ber­aters ein Schaden des Man­dan­ten ergab4.

Im Lichte dieser Abgren­zung ist auch die Recht­sprechung des Bun­des­gericht­shofs zum Ver­jährungs­be­ginn der Steuer­ber­ater­haf­tung bei unter­lassen­em oder unzure­ichend begrün­de­tem Ein­spruch gegen einen Fest­set­zungs- oder Fest­stel­lungs­bescheid des Finan­zamtes zu sehen. Beste­ht die Pflichtwidrigkeit des Steuer­ber­aters darin, dass der gebotene Ein­spruch gegen einen Fest­stel­lungs­bescheid unterblieben ist, so entste­ht der Schaden mit Ablauf der Ein­spruchs­frist5. Bege­ht der Steuer­ber­ater Fehler inner­halb des Ein­spruchsver­fahrens, so begin­nt die Ver­jährung sein­er Haf­tung mit der Bekan­nt­gabe des hier­auf beruhen­den Ein­spruchs­beschei­des6.

Bun­des­gericht­shof, Urteil vom 21. Okto­ber 2010 — IX ZR 170/09

  1. BGHZ 119, 69, 72 f; 129, 368, 388; BGH, Urteil vom 03.11.2005 — IX ZR 208/04, WM 2006, 590, 591; vom 13.12.2007 — IX ZR 130/06, WM 2008, 611, 612 Rn. 11 []
  2. BGH, Urteile vom 03.11.2005 — IX ZR 208/04, aaO; und vom 13.12.2007 — IX ZR 130/06, aaO []
  3. BGH, Urteile vom 12.02.2004 — IX ZR 246/02, WM 2004, 2034, 2037, und vom 03.11.2005 — IX ZR 208/04, aaO []
  4. vgl. BGH, Urteil vom 03.11.2005 — IX ZR 208/04, aaO []
  5. BGH, Urteil vom 20.06.1996 — IX ZR 100/95, WM 1996, 2066, 2067 []
  6. BGH, aaO; Urteil vom 12.02.1998 — IX ZR 190/97, WM 1998, 786, 788 []