Verjährungsbeginn in der Steuerberaterhaftung

Lässt ein Steuer­ber­ater einen Steuerbescheid pflichtwidrig bestand­skräftig wer­den, begin­nt die Frist für die Ver­jährung des Ersatzanspruchs des Man­dan­ten mit der Bestand­skraft des Steuerbeschei­ds, auch wenn dieser zunächst der formellen Geset­zes­lage entspricht und die zugrunde liegende Steuer­norm erst später vom Bun­desver­fas­sungs­gericht für nichtig erk­lärt wird.

Verjährungsbeginn in der Steuerberaterhaftung

Dies entsch­ied jet­zt der Bun­des­gericht­shof in einem Fall, in dem für die Beurteilung der Ver­jährung noch die durch Art. 16 des Geset­zes vom 9. Dezem­ber 20041 mit Wirkung vom 15. Dezem­ber 2004 aufge­hobene, gemäß Art. 229 § 12 Abs. 1 Satz 1 Nr. 13 und Satz 2, § 6 Abs. 1 EGBGB im Stre­it­fall aber noch anwend­bare Bes­tim­mung des § 68 StBerG maßge­blich war. Danach ver­jährt der Anspruch des Auf­tragge­bers auf Schadenser­satz aus dem zwis­chen ihm und dem Steuer­ber­ater beste­hen­den Ver­tragsver­hält­nis in drei Jahren von dem Zeit­punkt an, in dem der Anspruch ent­standen ist.

Die Ver­jährungs­frist wurde zu dem Zeit­punkt in Gang geset­zt, in dem der gel­tend gemachte Anspruch auf Schadenser­satz ent­standen ist. Die Entste­hung eines Anspruchs auf Schadenser­satz set­zt voraus, dass ein Schaden einge­treten ist. Nach der vom Bun­des­gericht­shof seit dem Urteil vom 2. Juli 19922 in ständi­ger Recht­sprechung vertrete­nen Risiko-Schaden-Formel muss der Schaden im Sinne ein­er objek­tiv­en Ver­schlechterung der Ver­mö­genslage wenig­stens dem Grunde nach erwach­sen sein; ist dage­gen noch offen, ob ein pflichtwidriges, mit einem Risiko behaftetes Ver­hal­ten tat­säch­lich zu einem Schaden führt und liegt deshalb eine bloße Ver­mö­gens­ge­fährdung vor, ist der Anspruch noch nicht ent­standen, so dass die Ver­jährungs­frist des § 68 StBerG nicht in Lauf geset­zt wird3. In Steuer­sachen tritt der Schaden des Steuerpflichti­gen in der Regel ein, sobald sich das pflichtwidrige Ver­hal­ten des Steuer­ber­aters in einem belas­ten­den Bescheid der Finanzbe­hörde aus­gewirkt hat4. Hat der Steuer­ber­ater — wie hier — pflichtwidrig gegen einen Steuerbescheid keinen Ein­spruch ein­gelegt, begin­nt die Ver­jährung des Ersatzanspruchs mit Ein­tritt der Bestand­skraft dieses Beschei­ds5.

Der Umstand, dass der Steuerbescheid zum Zeit­punkt seines Erlass­es dem Wort­laut des Einkom­men­steuerge­set­zes entsprach und die maßge­bliche Norm erst durch das Urteil des Bun­desver­fas­sungs­gerichts vom 9. März 2004 für nichtig erk­lärt wurde, ändert daran nichts6.

Ein Ver­mö­genss­chaden beste­ht in der Dif­ferenz zwis­chen der Güter­lage, die durch das Schadensereig­nis geschaf­fen wurde, und der unter Auss­chal­tung dieses Ereigniss­es gedacht­en Güter­lage (soge­nan­nte Dif­feren­zhy­pothese7. Die Ver­let­zung der dem Steuer­ber­ater über­tra­ge­nen Pflicht, die Besteuerung der Speku­la­tion­s­gewinne offen zu hal­ten, hat­te die bestand­skräftige Belas­tung der Kläger mit Einkom­men­steuer auf die im Jahr 1998 erziel­ten Gewinne zur Folge. Hätte der Steuer­ber­ater die Besteuerung pflicht­gemäß offen gehal­ten, wären die Kläger man­gels Bestand­skraft des Steuerbeschei­ds dauer­haft nicht zur Zahlung der Steuer verpflichtet gewe­sen. Der in der Steuer­be­las­tung liegende, von den Klägern gel­tend gemachte Schaden ist daher mit der Bestand­skraft des Steuerbeschei­ds einge­treten. Die Entschei­dung des Bun­desver­fas­sungs­gerichts stellte mit rück­wirk­ender Kraft verbindlich fest, dass die Besteuerungs­grund­lage mit dem Grundge­setz unvere­in­bar und nichtig war. Sie brachte nicht den Ver­mö­gen­snachteil zum Entste­hen, son­dern erwies, dass der bere­its mit Bestand­skraft des Steuerbeschei­ds ent­standene Ver­mö­gen­snachteil bei pflicht­gemäßem Han­deln der Beklagten ver­mei­d­bar war, und machte für die Kläger erkennbar, dass es sich bei der Steuer­be­las­tung um einen dem Steuer­ber­ater zuzurech­nen­den, ersatzfähi­gen Schaden han­delte. Die Erkennbarkeit des Schadens ist aber keine Voraus­set­zung des Beginns der Ver­jährungs­frist nach § 68 StBerG aF.

Im Übri­gen war auch das in der älteren Recht­sprechung des Bun­des­gericht­shofs für den Ein­tritt des Schadens als maßge­blich ange­se­hene Kri­teri­um, ob der Geschädigte bere­its auf Fest­stel­lung der Ersatzpflicht Klage erheben kon­nte8, bere­its im Zeit­punkt nach Ein­tritt der Bestand­skraft des Steuerbeschei­ds erfüllt. Die Fest­stel­lung ein­er Schadenser­satzpflicht des Steuer­ber­aters hätte zwar den Nach­weis voraus­ge­set­zt, dass die Steuer­last bei pflicht­gemäßem Han­deln des Steuer­ber­aters ver­mieden wor­den wäre. Die dazu erforder­liche Fest­stel­lung der Ver­fas­sungswidrigkeit der zugrunde liegen­den Steuer­norm hätte aber im Regressprozess über eine Vor­lage an das Bun­desver­fas­sungs­gericht nach Art. 100 Abs. 1 GG erre­icht wer­den kön­nen.

Bun­des­gericht­shof, Urteil vom 3. Feb­ru­ar 2011 — IX ZR 183/08

  1. BGBl I S. 3217 []
  2. BGH, Urteil vom 02.07.1992 — IX ZR 268/91, BGHZ 119, 69 []
  3. Zuge­hör in Zugehör/Fischer/Sieg/Schlee, Hand­buch der Anwalt­shaf­tung, 2. Aufl. Rn. 1342 f mwN []
  4. BGH, Urteile vom 02.07.1992 — IX ZR 268/91, BGHZ 119, 69, 72; vom 11.05.1995 — IX ZR 140/94, BGHZ 129, 386, 389 f; und vom 12.11.2009 — IX ZR 218/08, WM 2010, 138 Rn. 10 mwN []
  5. BGH, Urteil vom 20.06.1996 — IX ZR 100/95, WM 1996, 2066, 2067 []
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 29.03.2007 — IX ZR 102/06, DB 2007, 1400; OLG Ham­burg DStRE 2007, 1593, 1598 []
  7. vgl. BGH, Urteil vom 19.05.2009 — IX ZR 43/08, WM 2009, 1376 Rn. 18 mwN; Palandt/Grüneberg, BGB, 70. Aufl. vor § 249 Rn. 10 []
  8. BGH, Urteil vom 23.03.1987 — II ZR 190/86, BGHZ 100, 228, 231 mwN []