Der Anscheinsbeweis bei der Rechtsanwaltshaftung und der Steuerberaterhaftung

In Fällen der Rechts- und Steuer­ber­ater­haf­tung bes­tim­men sich Beweiser­le­ichterun­gen für den Ursachen­zusam­men­hang zwis­chen Pflichtver­let­zung und Schaden nach den Grund­sätzen des Anscheins­be­weis­es1.

Der Anscheinsbeweis bei der Rechtsanwaltshaftung und der Steuerberaterhaftung

Unter welchen Voraus­set­zun­gen in Fällen der Rechts­ber­ater­haf­tung für den Ursachen­zusam­men­hang zwis­chen Pflichtver­let­zung und Schaden zugun­sten des Man­dan­ten Beweiser­le­ichterun­gen in Betra­cht kom­men, lässt sich der ständi­gen Recht­sprechung des Bun­des­gericht­shofs ent­nehmen, die bere­its durch das Grund­satzurteil vom 30. Sep­tem­ber 19932 begrün­det wor­den ist. Es han­delt sich um einen Anwen­dungs­fall des Anscheins­be­weis­es. Voraus­ge­set­zt ist dem­nach ein Sachver­halt, der nach der Lebenser­fahrung auf­grund objek­tiv deut­lich für eine bes­timmte Reak­tion sprechen­der Umstände ein­er typ­isieren­den Betra­ch­tungsweise zugänglich ist. Dies ist anzunehmen, wenn bei zutr­e­f­fend­er rechtlich­er Beratung vom Stand­punkt eines vernün­fti­gen Betra­chters aus allein eine Entschei­dung nahe gele­gen hätte3.

Demge­genüber ver­mag auf anderem Gebi­et ergan­gene Recht­sprechung zum aufk­lärungsrichti­gen Ver­hal­ten wed­er Klärungs- noch Rechts­fort­bil­dungs­be­darf zu begrün­den. Dies gilt auch für die neueren Entschei­dun­gen zur Anlage­ber­atung­shaf­tung4. Danach beste­ht zu Las­ten des Anlage­ber­aters eine zur Beweis­las­tumkehr führende wider­leg­bare tat­säch­liche Ver­mu­tung, dass der Schaden bei pflicht­gemäßer Aufk­lärung nicht einge­treten wäre. Sie wird mit dem beson­deren Schutzz­weck der Aufk­lärungspflicht gerecht­fer­tigt und greift auch dann ein, wenn der pflicht­gemäß aufgek­lärte Anleger ver­schiedene Hand­lungsalter­na­tiv­en gehabt hätte5. Auf Umstände, die nach der Lebenser­fahrung typ­is­cher­weise die Annahme eines bes­timmten Geschehens­ablaufs recht­fer­ti­gen, ist diese Recht­sprechung wegen ihrer Begrün­dung aus dem Schutzz­weck der ver­let­zten Pflicht nicht angewiesen.

Mit dem Ansatz ein­er wider­leg­baren tat­säch­lichen Ver­mu­tung hat sich der Bun­des­gericht­shof schon in seinem Grund­satzurteil vom 30. Sep­tem­ber 19936 auseinan­derge­set­zt und entsch­ieden, dass nur die Grund­sätze des Anscheins­be­weis­es zu ein­er angemesse­nen Risikoverteilung zwis­chen rechtlichem Berater und Man­dan­ten führen. Daran wird fest­ge­hal­ten

Bun­des­gericht­shof, Beschluss vom 15. Mai 2014 — IX ZR 267/12

  1. Bestä­ti­gung von BGHZ 123, 311 []
  2. BGH, Urteil vom 30.09.1993 — IX ZR 73/93, BGHZ 123, 311 []
  3. BGH, Urteil vom 30.09.1993, aaO S. 314 ff; vom 30.03.2000 — IX ZR 53/99, WM 2000, 1351, 1352; vom 20.03.2008 — IX ZR 104/05, WM 2008, 1042 Rn. 12; vom 05.02.2009 — IX ZR 6/06, WM 2009, 715 Rn. 8 ff; st.Rspr. []
  4. BGH, Urteil vom 08.05.2012 — XI ZR 262/10, BGHZ 193, 159; vom 26.02.2013 — XI ZR 318/10, BKR 2013, 212; vgl. auch Schwab, NJW 2012, 3274 []
  5. BGH, Urteil vom 08.05.2012, aaO Rn. 28 ff; vom 26.02.2013, aaO Rn.19 f []
  6. BGH, Urteil vom 30.09.1993, aaO S. 313 ff []