Verjährung und Stillhalteabkommen in der Steuerberaterhaftung

Zum Abschluss eines stillschweigenden Stillhalteabkommens in der Steuerberaterhaftung.

Verjährung und Stillhalteabkommen in der Steuerberaterhaftung

Wenn der Steuerberater einen fehlerhaften Rat in einer Steuersache erteilt und dieser sich in einem für den Mandanten nachteiligen Steuerbescheid niedergeschlagen hat, ist nach gefestigter Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs eine als Schaden anzusehende Verschlechterung der Vermögenslage des Mandanten grundsätzlich erst mit der Bekanntgabe des Bescheids eingetreten. Das gilt für alle Schadensfälle in Steuersachen, gleichgültig, ob die Schadensursache dazu führt, dass gegen den Mandanten ein Leistungsbescheid der Finanzbehörde ergeht oder ein Steuervorteil durch einen Feststel-lungs-(Grundlagen-) Bescheid versagt wird1.

Ein verjährungshemmendes (§§ 202 Abs. 1, 205 BGB a.F.) Stillhalteabkommen (etwa bis zum rechtskräftigen Abschluss eines finanzgerichtlichen Klageverfahrens) ist nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs nur anzunehmen, wenn der Schuldner aufgrund einer rechtsgeschäftlichen Vereinbarung berechtigt sein soll, vorübergehend die Leistung zu verweigern, und der Gläubiger sich umgekehrt der Möglichkeit begeben hat, seine Ansprüche jederzeit weiterzuverfolgen2. Eine solche Vereinbarung kann auch „stillschweigend“ durch schlüssiges Verhalten getroffen werden3. Hierfür muss aber ein äußeres Verhalten festgestellt werden, welches als Ausdruck einer solchen einvernehmlichen Entschließung ausgelegt werden kann4.

Die Verjährungseinrede des Rechtsanwalts oder Steuerberaters gegenüber einem Schadensersatzanspruch des Mandanten ist unbeachtlich, wenn sie gegen das Verbot der unzulässigen Rechtsausübung (§ 242 BGB) verstößt5. Der Zweck der Verjährungsregelung verlangt, an diesen Einwand strenge Anforderungen zu stellen, so dass dieser einen groben Verstoß gegen Treu und Glauben voraussetzt6. Dies kann der Fall sein, wenn der Schuldner, sei es auch nur unabsichtlich, den Gläubiger von der rechtzeitigen Einklagung der Regressforderung abgehalten hat, etwa indem er den Gläubiger nach objektiven Maßstäben zur Annahme veranlasst hat, der Anspruch werde auch ohne Rechtsstreit erfüllt oder nur mit Einwendungen in der Sache bekämpft7. Ein solcher Vertrauenstatbestand kann vorliegen, wenn der haftpflichtige Anwalt den geschädigten Mandanten vor Eintritt der Verjährung bewogen hat, im Hinblick auf den Regressanspruch den Ausgang eines anderen Verfahrens abzuwarten8. Die Verjährungseinrede ist aber nicht allein deswegen ein Rechtsmissbrauch, weil der Anwalt zum geltend gemachten Schadensersatzanspruch geschwiegen hat oder der Mandant der Ansicht war, er könne mit der Klageerhebung noch zuwarten9.

Bundesgerichtshof, Urteil vom 15. Juli 2010 – IX ZR 180/09

  1. BGHZ 119, 69, 72 f; 129, 368, 388; BGH, Urteile vom 18.12.1997 – IX ZR 180/96, WM 1998, 779, 780; vom 23.01.2003 – IX ZR 180/01, WM 2003, 936, 939; vom 12.02.2004 – IX ZR 246/02, WM 2004, 2034, 2037; vom 03.11.2005 – IX ZR 208/04, WM 2006, 590, 591; vom 13.12.2007 – IX ZR 130/06, WM 2008, 611, 612 Rn. 11 []
  2. BGH, Urteile vom 14.11.1991 – IX ZR 31/91, NJW 1992, 836; vom 05.11.1992 – IX ZR 200/91, NJW 1993, 1320, 1323; vom 23.04.1998 – III ZR 7/97, NJW 1998, 2274, 2277; vom 16.12.1998 – VIII ZR 197/97, NJW 1999, 1022, 1023; vom 27.01.1999 – XII ZR 113/97, NJW 1999, 1101, 1103; vom 06.07.2000 – IX ZR 134/09, WM 2000, 1812, 1813. []
  3. BGH, Urteile vom 09.09.1999 – IX ZR 334/97, WM 1999, 2358, 2359; vom 06.07.2000 – IX ZR 134/09, aaO; Zugehör in Zugehör/ Fischer/Sieg/Schlee, aaO Rn. 1414 []
  4. BGH, Urteile vom 14.11.1991 – IX ZR 31/91, aaO; vom 06.07.2000 – IX ZR 134/09, aaO; Mennemeyer in Fahrendorf/Mennemeyer/Terbille, Die Haftung des Rechtsanwalts 8. Aufl. Rn. 1335 []
  5. BGHZ 94, 380, 391 f; BGH, Urteil vom 29.02.1996 – IX ZR 180/95, WM 1996, 1106, 1108 []
  6. BGH, Urteil vom 01.10.1987 – IX ZR 202/86, WM 1988, 127, 128; vom 29.02.1996 – IX ZR 180/95, aaO; vom 21.06.2001 – IX ZR 73/00, WM 2001, 1677, 1679 []
  7. BGH, Urteile vom 29.02.1996 – IX ZR 180/95, aaO; vom 21. Juni 2001 – IX ZR 73/00, WM 2001, 1677, 1679 []
  8. BGH, Urteil vom 29.02.1996 – IX ZR 180/95, aaO []
  9. BGH, Urteil vom 01.10.1987 – IX ZR 202/86, aaO, WM 1988, 127, 128; Zugehör in Zugehör/Fischer/ Sieg/Schlee, aaO, Rn. 1437 []